Ein einprägsamer Tag bei den Hebammen

Schon wieder daheim angekommen, möchte ich noch von meiner letzten Erfahrung berichten. Unsere zwei lieben Hebammen Caro und Belinda waren so nett, mich mit zu ihrer privaten Frauenklinik und mit ins Krankenhaus Mawenzi zu nehmen.

P1050042
image-414

Die zwei haben vorher auch kräftig Spenden gesammelt und sind gut ausgerüstet vor 2 Monaten angekommen.

Zuerst waren wir bei ihrer alten Gastfamilie, dort sind sie nach einem Monat wieder ausgezogen, da das nicht ganz geklappt hat. Die Mama ist Hebamme und führt eine kleine Praxis hauptsächlich für Frauen in ihrem Dorf, dort bekommen sie medizinische Versorgung und können auch dort entbinden. So müssen sie nicht den weiten Weg ins Stadtzentrum auf sich nehmen. Ganz toll finde ich auch, dass Mama seit etwa 2 Jahren auch „Family-planning“ anbietet, dh. Frauen können kommen und sich über Verhütungsmittel informieren und welche bekommen. Ganz beliebt sind wohl die Hormonstäbchen, die 3 Jahre lang halten. Es ist unglaublich, aber Frauen erfahren hier meist zum ersten Mal, dass sie nicht dauerhaft schwanger sein müssen. Ein Kind nach dem anderen muss nicht sein, der Körper benötigt auch mal eine Pause. Nicht ohne Grund sind die meisten Frauen inkontinent oder leiden an

P1050037
image-415
einem Gebärmutterprolaps. Beckenbodentraining gibt es ja so wie so nicht, Vor- und Nachbereitung kommt ganz allein aus der Familie, da Mädchen, sobald sie ein Kind tragen können schon Mutter sind, da sie au die Kleinen aufpassen. Caro erzählte mir, es sei ganz erstaunlich, dass die Frauen hier keine Einführung in Stilltechnik oder Kind auf den Rücken binden brauchen, das haben sie schon oft genug gesehen bzw. selber gemacht.

Die kleine Klinik gehört zu der Organisation „familia“, das ist wie bei uns Pro familia. Die Mama bietet alle möglichen Beratungen an, von warum werde ich schwanger bis hin zur HIV-Beratung und Entbindung. Alles mit Materialien, die von familia gesponsert werden. Die Mama muss dafür aber auch strenge Richtlinien beachten, wie zB. Musste sie nun ihre Holzbetten raus schmeißen, da unbedingt Metallbetten in den

P1050035
image-416
Räumen stehen müssen. Als die Zwei kamen, war dementsprechend schon so Not am Mann, dass sie der Mama zwei neue Betten gekauft haben von den Spendengeldern. Nun kann sie erstmal weitermachen, aber die neuen Auflagen kommen schon.

 

Im Grunde besteht die Klinik aus einem kleinen Büro, einem Entbindungsraum und einem Schlafzimmer mit 2 Betten, in dem entweder werdende Mütter oder frisch gebackene Mütter schlafen und sich ausruhen können. Auf den ersten Blick wirkte alles sehr einfach, alt und etwas heruntergekommen. Aber wir sind immer noch in Afrika und da brökeln nun mal die Wände ab, das kann man nicht erwarten, auch nicht in einer Klinik. Die Frauen führen auch hier einen Mutterpass für jedes Kind, wenn es auf der Welt ist, werden die motorischen Fähigkeiten bei jedem Check-up überprüft und das Kind gewogen. Quasi haben sie hier auch die regelmäßigen Kontrollen und laut Belinda, halten die Frauen das auch sehr penibel ein. An diesem Tag gab es keine Geburt, aber das kommt auch nicht so häufig vor, häufiger sind Malariatests und Verhütungsmittel. Eine Frau kam vorbei um sich die Pille zu holen, da ihr Stäbchen seit 3 Monaten draußen ist..nun sie hat immer noch nicht ihre Tage und so stellte sich her

P1050039
image-417
aus, dass sie schwanger ist. Sie war nicht allzu begeistert, da wahrscheinlich der Mann dazu fehlt. Das passiert wohl recht häufig, dass Frauen vor der Heirat schon schwanger sind und diesen Mann dann heiraten müssen, sonst stünden sie alleine da. Auf einen Familienrückhalt kann man hier auch nicht hoffen, da man ja einen Bastard zur Welt bringen wird und daher wird man verstoßen. Bei Mama lebt so eine Frau, sie steht kurz vor der Entbindung und alle sagen, der Mann wird schon noch auftauchen, glauben tut daran aber keiner.

Die Klinik ist auf jeden Fall eine Möglichkeit mehr Aufklärung unter die Leute zu bringen und auch darüber zu reden. Ich finde das eine tolle Sache und hoffe, dass die Mama das noch lange weiterführen kann.

Am zweiten Tag waren wir dann im Mawenzi Hospital, das ist eine Klinik für Frauen mit Kreißsaal und Krankensaal. Dort arbeiten relaitv viele Hebammen, an die 20 auf eigene Faust, ab und an schaut der Pädiater vorbei. Das Haupthaus besteht aus einem Saal für kranke Frauen bzw. werdende Mütter, dann der Kreißsaal in der Mitte und daneben der Raum für die neuen Mütter. Der Kreißsaal besteht aus mehreren Abteilungen, die durch Vorhänge getrennt sind, in jedem steht ein gruselig aussehender Stuhl bzw. Bank. Das „neueste“ Model erinnert an einen Gynäkologenstuhl, die anderen sind einfach nur Liegen mit Beinauflagen. Es sieht im Allgemeinen alles sehr sehr alt aus, zusammengewürfelt und kaputt. Ich habe wenig positives zu berichten, es war ein einprägsamer Tag, an dem ganz klar rüberkam, dass dieses Krankenhaus das billigste in der Stadt und Umgebung ist. Nur die Armen kommen hier her, weil wer besser dasteht, geht ins St. Jospeh. KCMC hat keine Gyn, daher fällt das raus. Mein Tag dort begann mit dem Gefühl in einem Horrorfilm mitzuspielen und endete mit einem schwer verdaulichem Erlebnis, das mir bis heute sehr nahe geht.

Nun mal von Anfang an, Caro war so lieb mich rumzuführen, nachdem es erstmal einen großen Aufstand gab, da ich keine Klinikklamotten dabei hatte. Drum habe ich mir von Caro ein Outfit geliehen (das sie aus Deutschland mitgebracht hat und daheim wäscht und wieder dahin bringt, wo auch immer da die Hygiene ist). Caro hat mir also den Kreißsaal gezeigt mit seinen Geräten, darunter ein Herztöne-Abhör-Gerät, super modern und neu. Wird nicht benutzt, weil man nicht weuß wie es funktioniert. Caro hat schon angeboten, es mal zu erklären, darauf hin kam die Antwort: später…bis jetzt ist nichts geschehen. Wie ich später live miterleben durfte bedarf es da nur eines Einschalten durch Knopfdruck und dann kann man schon mit Hilfe des Gels, den Bauch abhören.Kein Hexenwerk..oder doch?

Einprägsam waren die sterilen Boxen, die sie für den Op gerichtet haben, darin lag das sterile Besteck, verbogene Zangen und Stäbe, die mir beim bloßen Anblick schon Schmerzen bereitet haben, dazu waren die Meisten schon angerostet. Diese Boxen wurden dann sorgfältig verschlossen und mit sterilen Tüchern verpackt, von der Theorie her wie in Deutschland, doch dass diese Tücher steril waren bezweifle ich mal sehr, zerrissene Lumpen, die so wie so nihct groß genug waren um die Box, die eh nicht richtig schließt zu umwickeln. Das haben wir dann zum Op gebracht, der etwa 10 min Laufweg entfernt war. Diesen Weg müssen all die Frauen hinter sich bringen, wenn es zu einem Spontankaiserschnitt kommt. Dh. Herztöne gehen runter etc, dann muss schnell gehandelt werden, in Deutschland kommt man in den Op neben an, 2min..hier halbe Weltreise und laut Caro, bedeutet das schon eventuell totes Kind. In den 2 Monaten kam das zum Glück noch nicht vor.

Wieder zurück heißt es Boden wischen, das machen dann plötzlich 10 Hebammen gemeinsam, mich wundert schon jetzt, dass sie daür so viel Zeit haben. Die Weißen können eh nicht putzen, also wurde mal wieder nur rumgemeckert, wie wir zu putzen haben. Die ganze Putztradition ist hier so wie so überall gleich, Dreckverteilung anstatt Sauber machen. Dann haben wir uns mal die Mamas angeschaut und nach denen gesucht, dessen Geburt die 2 begleitet haben. Viel Hilfe brauchen die Spontangeburten ja nicht, wie oben schon erwähnt, aber eine Sectio ist ein langwieriger Prozess, eigentlich haben alle eine Sepsis hinterher. Ein Arzt ist mal fix durchgelaufen und wenn eine Wunder nicht gut aussieht, wird mal auf den Bauch gedrückt, der Eiter quillt raus und damit ist sie gesäubert. Neuer Verband und gut ist. Die Wundversorgung übernehmen eigentlich nur die zwei, da es für die anderen Hebammen „nicht-notwendige-Arbeit“ ist. Währenddessen kommt ein Kind in den Kreißsaal von einer früher Sectio, Caro zeigt mir was für Check-ups man eigentlich macht um zu testen, dass es gesund ist. Wir schauen uns die Kleine also genau an, die arme liegt in einem Bettchen mit greller Halogenlampe und einer Wärmelampe, die nicht funktioniert. Es ist kalt, hell und laut in der neuen Welt..Nach kurzer Zeit werden wir schon wieder ermahnt, das Kind zugedeckt da liegen zu lassen, es sei nicht nötig alles zu überprüfen. Wir machen trotzdem weiter, ich finde das mega interessant die Fontanellen zu spüren und die Fingerchen zu zählen. Dann bekommen wir mit, dass eine Frau fertig gemacht wird für eine Op im Kreißsaal, sie hatte eine Hausgeburt und die Plazenta ist noch nicht da, zudem hat sie wohl einen Dammschnitt erlitten. Sie wird kurzerhand auf eine dieser Bänke gelegt, nur in ihre bunten Tücher gewickelt und da zieht die Hebamme schon die Plazenta raus. Die Frau schreit kurz auf vor Schmerz und schon geht’s weiter, mit der Plazenta in der Nierenschale direkt an den Beinen der Frau, zieht die Hebamme Betäubungsspritzen auf und schießt sie wahllos rein, die Spritze landet auf der Plazenta. Ach nein, noch ein Schuss vergessen, also wird die Spritze nochmal verwendet. Dann fischt die Hebamme noch nach Resten der Plazenta mit normalen Handschuhen, nicht desinfiziert. Ein Regal weiter gibt es sterile Handschuhe..Dann wird der Dammschnitt gemacht, laut Caro nach viel zu kurzer Einwirkzeit des Betäubungsmittels. Die Frau wird also auf unsteriln Tüchern, ohne sterielen Handschuhen , ohne sterieler Haut drum herum mit einer unsterilen Nadel genäht. Sie schriet und jammert vor Schmerzen..

Ich musste zwischen durch immer mal wieder rausgehen, nicht weil mich das Blut oder die Plazenta angeekelt hat, sondern weil ich den Anblick dieser leidenden Frau und dieses unsterile Arbeiten nicht ertragen konnte. Es hat mich angewidert, wie unachtsam ein Mensch arbeiten kann. Caros Worte: „ das hier ist eine halbe Vergewaltigung für jede Frau“. Mir wurde ganz schwindelig und schlecht. Daher haben wir lieber der Kleinen zugeschaut, die nach 1h immer noch alleine da lag, in der Zeit wäre auf Mamas Brust liegen angesagt gewesen.. Zum Schluss kam dann noch eine Frau in den Kreissaal, deren Fruchtblase schon geplatzt ist und das Wasser grünlich war. Das bedeutet, das Kind hatte schon enormen Stress und har seinen ersten Stuhl im Bauch abgesetzt. Zudem wurde dokumentiert, dass die Herztöne drastisch runter gegangen sind. Wir haben die rau alleine vorgefunden, die Hebamme war grade mal wieder verschwunden. Als sie auftauchte, hat Caro gleich mal nachgefragt was denn jetzt passiert, die Antwort: ich muss erstmal die Akte fertig ausfüllen. Während die Hebamme also mit der Anamnese beschäftigt war, haben Caro und Belinda die Herztöne kontrolliert mit dem modernen Gerät. Sie hatten sich schon wieder normalisiert, daher haben sie mit der Frau Atemübungen gemacht, diese war schon völlig verstört, so allein auf der Liege mit Wehen und Hebammen, die Stress machen aber ncihts erklären. Dann kam wieder eine andere vorbei und hat den Muttermund gemessen, als sie es eintragen wollte musste sie feststellen, dass sie laut dem vorherigen Wert schon viel weiter sein müsste. Das kann antürlich nicht sein, also verschwindet sie ersteinmal wieder. Daraufhin kommen 3 Frauen, die mich ausfragen, was denn hier los sei. Wie sich herausstellt, sind sie da um die Klinik zu beurteilen. Ironischerweise gerade im richtigen Moment. Caro erzählt ihnen was sie weiß und dass keiner da ist um sich zu kümmern. Plötzlich reicht man uns die Akte und dort steht nichts mehr von Herztönen und unklaren Munttermund. Wurde mal eben vertuscht. Als es dann hieß, die Frau kommt jetzt auf jeden Fall in den Op für die Sectio, konnten wir dann etwas beruhigter Feierabend machen.

Alles in allem haben mir die zwei viel erzählt von ihren Problemen und was sie so frustriert. Das brauch man wirklich zwischendurch, weil es doch so viele Eindrücke sind und Dinge, die man schlucken soll oder muss. Da hilft nur drüber reden.

Ich habe hier viel gelernt, zB. Es ist das eine, wenn die Leute hier nicht professionell handeln, weil sie es nicht besser wissen. Das Bildungsangebot ist nun mal nicht vorhanden und ohne Zugang zu Informationen, kann man gewisse Dinge nicht anders machen. Das war bei meiner Arbeit durchgehend der Fall. Daher war es umso schöner, ihnen ihre Fragen zu beantworten, denn sie waren wissbegierig und wollten ja dazulernen. Aber es ist was anderes, wenn man die Handlungen nicht mehr mit der Bildungslücke entschuldigen kann, auch nicht mit Geldmangel und damit Materialmangel. Nein, hier im Mawenzi, und das haben mir nicht nur die Mädels erzählt, das habe ich selbst zu spüren bekommen, da wollen sie nichts ändern und sind strikt und einfach zu faul um ordentlich zu arbeiten. Auf Anregungen der Mädels gehen sie nicht ein, sie wollten sich das Gerät nicht erklären lassen und obwohl es sterile Handschuhe und genug Spritzen gibt, wird darauf nicht geachtet. Dazu kommt, dieses in meinen Augen unmenschlich grobe Behandeln der Frauen. Bei jeder Untersuchung, die ich gesehen habe, haben die Frauen sich vor Schmerzen zusammengezogen. Wenn man doch so einen Beruf wählt, sollte man dich ein wenig Feingefühl haben. Aber vielleicht macht einen das Leben auch so hart. Caro sagt, ihre Erklärung dafür und die hat sie sich zurecht gelegt um abends einschlafen zu können, ist, dass es hier eine hohe Säuglingssterberate gibt. Die Kinder tragen im ersten Jahr keinen Namen, da man nicht weiß ob es überlebt. So wird es auch gehandhabt. Für sie ist es kein Wunder, ein neues Leben. Für sie ist es gute Arbeit, wenn Frau und Kind noch am Leben sind nach der Geburt und dann ist es nicht mehr ihre Angelegenheit. Sehr sehr traurig. Caro und Belinda haben sich diese Woche dafür entschieden, ihre Arbeit dort auzuhören und sich lieber ein anderes Projekt zu suchen, dass sie nicht täglich schockiert und wo ihre Hilfe mehr gebraucht und auch angenommen wird.

Meine Eindrücke generell waren sehr unterschiedlich. Von armen Menschen, die aber auf ihren tollen Rollstuhl nicht aufpassen und daher schon wieder kaputt ist. Von Hochzeiten an denen das restliche Essen einfach in den Müll gekippt wird, Mengen von Reis und Bananen, anstatt die Gäste zweimal nehmen zu lassen (!) oder das Personal zu bewirten oder es gar zu spenden. Von unwirschen Hebammen, die nichts von Weißen halten, egal wie nett und respektvoll man ihnen begegnet. Aber auch von lernwilligen, die soweit denken können, dass ein Weißer zum Austausch doch ganz praktisch ist. Man muss ihn ja nicht als Lehrer ansehen, da man die Kultur und die Gewohnheiten noch nicht gut kennt, aber sich austauschen und ins Gespräch kommen, das hilft doch beiden weiter.

Ich bin froh, in einer Einrichtung gewesen zu sein, in der Mann meine Arbeit geschätzt hat ohne mich gleich auf ein Podest zu stellen. Es war ein Miteinander und kein aufgesetztes Getue. Dort habe ich mich wohl gefühlt und bin daher sehr motiviert auch weiter dort zu arbeiten, erst mal von Deutschland aus und dann mal wieder zu kommen für ein Projekt, wie zB Fortbildungen anzubieten für die Mamas, denn ohne die Mamas sind die Kinder ganz verloren. Da kann ich noch so viel arbeiten, es gibt noch 10 andere Center in denen nur die Mamas hocken. Da muss man ansetzten um wirklich was voran zu bringen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.